Wie viel (er)trägt mein Herz noch?
Über Scham und High-Performing und der Weg zur (Selbst)liebe
Ich bin noch zu großen Teilen perfektionistisch. Bei vielem, was ich tue. Bei sehr vielem. Früher war es noch schlimmer.
Alles, was ich angefangen habe, war an einer fremdbestimmten Messlatte gemessen. Es musste einen unmenschlichen Perfektionismus erreichen. In der Lohnarbeit. In meinem Alltag. Was ich nach außen zugelassen habe zu erblicken. Auch bei meiner Therapeutin. Ich hatte immer gedacht, dass das von mir erwartet wird. Damit ich auf keinen Fall hilfsbedürftig wirke. Unprofessionell. Schwach.
Es hat sehr viele Stürze gebraucht, um zu realisieren, dass ich so nicht mehr weiter machen kann. Weil es niemandem etwas brachte. Mir zuliebe. Vor allem mir zuliebe.
Ich rede mir den Mund fusselig, mit welcher Detailtreue ich über Projekte, Wünsche, Themen und Ideen spreche, die in meinem Kopf sitzen. Menschen sagen mir, meine Augen fangen dann an zu leuchten. Es gibt Themen, die mir sehr am Herzen liegen. Themen, die ich mir bewusst zu Herzen nehme.
Ich nehme ein Projekt nach dem anderen auf. Fange einen neuen Text an. Schon wieder. Erweitere Pläne bis ins Unendliche. Größer, lauter, wichtiger. Sagte so viele Male ja.
Weil ich ja eigentlich keine guten Gründe hatte, nein zu sagen. Oder? Wenn es noch geht, dann kann es ja noch nicht schlimm genug sein.
“Wann schläfst du eigentlich?”
Das Schlimmste war, wie sehr ich mich geschämt und mich gehasst habe, wenn etwas nicht geklappt hat. Weil ich immer dachte, ich würde andere enttäuschen. Mich enttäuschen. Denn ich habe doch alle notwendigen Fähigkeiten. Denn alle anderen scheinen das doch auch hinzukriegen.
Gleichzeitig schiebe ich so viele Projekte auf, zwinge mich zu ihnen. Bin zu erschöpft um mich um mich selbst zu kümmern.
Ich kenne es nicht anders. Denn meine Eltern waren die größten Vorbilder für meine Unfähigkeit, nein zu sagen.
Ihre eigene Unzufriedenheit mit sich selbst. Ihre Lebensverhältnisse. Ihre unaufgearbeiteten Traumata. Die fehlende Sprache um über ihre Trauer, ihre Einsamkeit zu sprechen.
Wenn es ihnen nicht gut ging, haben sie gearbeitet. Bis zur Erschöpfung. Also habe ich es ihnen gleichgetan. Denn ich wollte sie doch nicht enttäuschen. Ich hatte etwas zu schaffen. Ich hatte sie stolz zu machen. Für das, was sie verlassen haben. Für das, was sie für mich geleistet und aufgeopfert haben.
Ich durfte sie nicht enttäuschen. Das war das, was zählte. All ihre Last, habe ich jahrelang mitgetragen. Ihr Wohlergehen war überlebenswichtig. Dabei sind meine Bedürfnisse darunter begraben worden. Wie kann man lernen, sich um sich selbst zu kümmern, wenn man die ganze Zeit für andere da war?
Jahre später wurde mir das gespiegelt. Von außen. Gebrochen hat meinen Perfektionismus die jahrelange Therapie. Ein künstlicher Raum, der gleichzeitig so viel zugelassen hat.
Nein, das ist nicht ganz richtig. Auch in mir musste ich aufräumen. Den alten Ballast umgraben. Nach mir suchen und meiner selbst. Das machen, was mir am meisten Angst machte. Ich musste zugeben, dass es nicht mehr so weitergehen konnte.
Mir mit Liebe zu begegnen. Vergebender, gütiger, gnädiger Liebe. Warum war ich immer so hart zu mir? Ich bin so häufig überfordert mit mir und von mir selbst. Habe selbst von mir genug.
Warum scheinen alle so stabil, und ich breche regelmäßig weg? Warum tut alles so weh? Warum kann mein Körper nicht mehr?
Dabei gehen wir alle nicht offen genug miteinander um. Auch andere struggeln. Oder haben Ressourcen, die uns fehlen. Die Welt ist nicht fair. Was nicht heißt, dass wir uns kaputt performen müssen. Wir müssen aufhören, zu denken, wir müssten alleine die Welt tragen.
Und immer wieder sage ich die Sätze auf, aus stundenlangem Journaling, aus endlos scheinenden Sitzungen mit meiner Therapeutin.
Wem helfe ich, wenn ich nicht mehr kann? Wem kann ich helfen, wenn ich nicht mehr kann? Bin ich wirklich weniger wertvoll, wenn ich nicht alles schnellstmöglich schaffe?
Es ist ein Hin und Her. Ein Wellengang. Mal kann ich mehr für andere da sein. Mal weniger. Es macht mich nicht weniger wert, wenn ich auch mal auf mich aufpassen muss. Im gleichen Atemzug darf ich so viel Liebe und Kraft nach außen tragen, um die Menschen, die mir begegnen damit zu berühren. Ich muss mich nicht verausgaben. Das verlangt niemand von mir. Das verlange ich auch von niemand anderem. Ein kleiner Durchbruch in meinem Kopf und meinem Herzen. Wenn auch anfangs nur ein kleiner.
Nach den Jahren der Therapie bin ich weit davon entfernt, als “durchtherapiert” zu gelten. Und das ist ok.
Ich fange an, Sachen liegen zu lassen. Öfter nein zu sagen.
Die ersten Male habe ich mich gehasst dafür. Habe so viel Scham gespürt. Mich selbst nicht im Spiegel anschauen können.
Der Prozess, einen uralten Kreislauf zu durchbrechen, ist unangenehm. Es macht keine Freude, es ist ein stetiger Reminder, dass es noch nicht morgen vorbei sein wird. Sondern nur irgendwann leichter wird. Mit jedem Nein. Mit jeder verpassten Deadline.
Dabei können es auch die kleinsten Dinge sein. Und dann lasse ich meine getrocknete Wäsche liegen. Manchmal für mehrere Tage. Lasse eine Tasse auf meinem Couchtisch liegen.
Das Wichtigste daran: Es ist ok. Ich habe nicht jeden Tag zu geben.
Nicht als eine lang aufgeschobene Erkenntnis, sondern als nächster Berg, der vor mir liegt. Eine nächste fast schon nicht überbrückbare Aufgabe.
Alles an mir ist liebenswert, auch wenn ich nicht jeden Tag bis zum Exzess mich verausgabe für meine Arbeit. Ganz gleich ob für ein Unternehmen oder für meine Herzensaufgaben. Ob für meine Hobbies oder für meine Beziehungen.
Und ich liebe meine Herzensmenschen. Auch wenn sie an anderen Stellen in ihrem Leben sind. Und andere Herausforderungen vor sich haben. Es ist nicht meine Aufgabe, ihnen ihr Tempo vorzugeben. Was ich tun kann, als größter Akt der Liebe, zu warten, für sie da zu sein. Sie an der Hand zu halten bis sie soweit sind, bei sich selbst anzufangen. Und sich auch gnädiger zu lieben. Denn niemand hat uns das beigebracht. Also müssen wir anfangen, füreinander da zu sein.
“Ich bin liebenswert, so wie ich bin", es fühlt sich manchmal unangenehm an, das so zu sagen. Vor allem, wenn ich mich dabei selbst im Spiegel anschaue.
Ich muss nicht alles an mir lieben. Lieben bedeutet nicht, dass ich alles an mir oder anderen für gut heiße. Ich kann aber damit anfangen, mich zu akzeptieren. Akzeptieren, dass ich ein Zusammenwurf aus so vielen widersprüchlichen Gedanken, Erfahrungen und Gefühlen bin. Und in meiner Gesamtheit, liebe ich es, nicht perfekt zu sein. Und nicht den Anspruch daran zu haben.
Das ist das, was ich nach außen tragen möchte. Wie ich meinen Liebsten begegnen möchte und allen, die ich tagtäglich antreffe. Wir sind Menschen, wir können und dürfen nicht perfekt sein.
From Mizeria With Love
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- Samson
