Sommerferien oder der Besuch zuhause
Fernweh und Heimweh und alles dazwischen und außerhalb
Alle stehen an, bereits seit kurz nach 6. Die Temperaturen für den heutigen Tag wurden auf circa 30 Grad in Wrocław angekündigt. Die Schlange geht vorbei am Alkoholhändler, dem Monopolowy, einem Relikt aus vergangenen Tagen, wo der Alkoholkonsum stark reglementiert wurde. Manche Menschen in der Schlange wechseln ungeduldig von einem Fuß zum anderen. Die Schlange bewegt sich nur schleppend. Andere sind zu zweit gekommen und erklären einander, wie man bestimmte Flecken aus Kleidung bekommt.
Wrocław steht als Geburtsort in meinem Pass. Meine Nachbarschaft kenne ich in und auswendig. Ich stehe mit meiner Großmutter in der Schlange. Vielleicht bin ich etwa 10 Jahre alt. Aber das mag auch keine Rolle spielen. Als ich ein bestimmtes Alter erreicht habe, bin ich ihr überall hin gefolgt. Auch früh morgens, wenn sie für die Familie Brot besorgen wollte. Jede Ferien waren wir dort. Zu Ostern, zu den Sommerferien, den Herbstferien und sehr häufig an Weihnachten. Während andere nach Mallorca flogen oder in den Bergen wandern waren, fuhren wir immer zur Familie zurück nach Polen. Gegen den Heimweh. Sich weniger fremd fühlen. Ich glaube das ist nicht das gleiche, wenn Leute von Urlaub sprechen.
Meine Eltern wollten, dass wir polnisch mit unserer Familie sprachen. Für mich war es meine erste Sprache. Meine Schwester hatte deutlich weniger Interesse daran und hatte es nie geschafft, richtig polnisch sprechen zu lernen. Ich hingegen lernte Deutsch erst später und dann “richtig” mithilfe einer Logopädin. Denn ich hatte im Kindergarten bereits einen sehr schweren Akzent, durch den die Kindergärtner*innen mich nur schwer verstanden. Seitdem spreche ich akzentfrei Deutsch. Mein Polnisch schimmert aber immer noch durch, wenn ich ohne nachzudenken Texte schreibe. Dann taucht eine polnische Satzstellung mit deutschem Vokabular auf. Auf jeden Fall erkennt niemand auf den ersten Blick, dass ich nicht aus Deutschland bin. In Deutschland sollte ich Deutsch sein, in Polen Polnisch.
Als erstgeborenes Kind hatte ich gewisse Verpflichtungen. Ab dem Grundschulalter hatte ich bereits angefangen in der Küche mitzuhelfen. Zum Ende der Grundschule konnte ich auch eigenständig bestimmte Gerichte kochen und die Küchengeräte bedienen. Und in den Ferien hatte ich ebenfalls im Haushalt zu helfen. Als Zeichen des Respekts und der Liebe gegenüber meinen Großeltern. So hätte es meine Mutter und meine Tanten auch getan.
Ich liebte meine Großmutter sehr und begleitete sie gerne. Sie erzählte von früher, von der Flucht nach Westpolen nach dem Krieg. Viele Menschen wurden von der nicht mehr existenten ehemaligen ostpolnischen Grenze in den Westen getrieben. Während Menschen aus Schlesien, Pommern und anderen Regionen nach Deutschland vertrieben wurden. Sie erzählte, wie viel sie zurücklassen mussten. Wie sie von neu anfangen mussten. Wie die Zeiten damals waren als Teil der Sowjetunion. Za komuny, fing sie dann immer an. Wie wenig es in den Läden gab. Wie sie früher viel öfter und länger in den Schlangen stehen musste.
Der Westen war mittlerweile in Polen angekommen. Es gab unbekannte Waren, Joghurts in bisher unbekannten Geschmacksrichtungen wie Banane oder Aprikose. Bunte Getränke, ein immer lockerer Zugang zu Alkohol. Wobei bei den ersten Lidl-Geschäften, die in Polen aufgemacht hatten, es immer noch einen abgesperrten Bereich für den Alkohol gab, den man durch einen Eingang innerhalb des Geschäfts betreten und einer separaten Kasse bezahlen musste. Was dem starken Alkoholkonsum in der polnischen Bevölkerung nicht wirklich Einhalt geboten hatte.
Es gab also Supermärkte mit Brotregalen. Denen vertraute meine Großmutter aber nicht. Viele Menschen hatten Misstrauen gegenüber den Produkten aus Deutschland. Es gab lange Zeit eine Urban Legend, dass die Produkte in den Supermärkten für die polnische Kundschaft eine schlechtere Qualität hätten als in Deutschland. Deshalb gab es häufig Menschen, die über die Grenze nach Deutschland fuhren um dort beim Lidl einzukaufen und die Eigenmarkenprodukte wie Kidney-Bohnen oder Schokolade aus ihrem Kofferraum aus verkauften. Denn für Deutsche würden die Produkte in besserer Qualität zu Verfügung stehen. Diese Urban Legend hält sich bis heute noch. So stark ist das Misstrauen gegenüber Unternehmen und Institutionen in Polen noch.
Also standen wir, in einem der noch wenigen Bäckereien in unserem Stadtteil. Meinem Stadtteil, meiner Nachbarschaft. Der Bäcker hatte keine große Auswahl, aber eine Auswahl, die ich nie vergessen werde.
Es gab eine Handvoll Brotsorten. Unser Hauptaugenmerk lag auf den hellbraunen, mandelförmigen Broten. Diese füllten immer den Großteil der Regelböden in der kleinen, gefliesten Bäckeri. Rycerskie. Ritterbrote. Die Kruste dieser Brote splitterte, wenn man mit beiden Händen den Laib drückte und ein wohliger Duft stieg auf. Ich liebe den Geruch von frischem Brot immer noch. Meine Großmutter fragte immer nach den dunkleren, die die Bäcker länger im Ofen behielten und dadurch eine fast schon dunkelbraune Kruste hatten. Wir nahmen immer welche mit, wenn wir zurückfuhren. Diese Brote konnten geschnitten eingefroren werden und wir konnten uns scheibenweise aus der Tiefkühltruhe bedienen. Alles andere haben wir in der Bäckerei immer liegen gelassen. Meine Großmutter wusste klar, was sie wollte und bestimmte so das Konsumverhalten der restlichen Familie.
Es gab auch süßes Gebäck. Aber es ist anders süß als in Deutschland. Es gab natürlich süßes Hefegebäck mit Streuseln und einer dicken Schicht Puderzucker oben drauf. Aber es gab auch Rogale, wahlweise einfach so oder mit Mohn bestreut. Im deutschen würden Sie Mohnschnecken heißen, obwohl sie eine Halbmondform haben. Sie sind neutral im Geschmack und werden meistens süß mit hausgemachter Marmelade bestrichen. Natürlich hatte ich jedes Mal gehofft, dass ich bei unseren gemeinsamen Einkaufsabenteuer auch etwas abbekommen konnte. Aber Hauptsache ich war fern von meiner Kernfamilie. Wenigstens für eine Stunde oder sogar zwei, wenn meine Großmutter zum Gemüsemarkt war, der sich fast am Bahnhof befand.
Die erste Tasche gepackt mit mehreren Laiben Brot und wir machten uns mit langsamen Tempo auf den Weg zur zweiten Station des heutigen Einkaufs. Manchmal nutzte meine Großmutter die gemeinsamen Spaziergänge um mir beizubringen, wie eine Frau sich zu verhalten hat. Immer sauber gekleidet, auch die Unterwäsche. Denn was, wenn etwas passiert und man kommt ins Krankenhaus und dann sehen die Ärzte bei der Untersuchung, dass man keine saubere Unterwäsche trägt. Das wäre doch peinlich, sagte meine Großmutter. Ich hielt es damals schon als Kind nicht für wahrscheinlich, aber hinterfragte meine Großmutter nicht. Ich hörte zu.
Dzieci i ryby głosu nie mają. Kinder und Fische haben keine Stimme. Das wurde mir von klein auf beigebracht. Es bedeutete, dass man vor allem älteren Menschen zuzuhören und keine Widerworte zu geben hatte. Das wäre absolut respektlos und zeuge von schlechtem Benehmen. Im Grunde bestand ein Großteil meiner Kindheit daraus, zu lernen wofür man sich schämen sollte und was als respektlos galt.
Unsere Einkaufsabenteuer haben immer etwas Zeit in Anspruch genommen, weil keiner der Läden oder Märkte in unmittelbarer Nähe zueinander waren. Und meine Großmutter sicherlich nicht den Bus oder die Tram nehmen wollte. Wozu Geld dafür ausgeben? Frage sie immer. Und ich nickte und folgte ihr. Egal wie müde ich war. Egal wie mir die Beine schmerzten. Ich wollte bei ihr sein. Ihren Geschichten zuhören. Zuhören wie sie mit den Frauen an den Gemüseständen sprach. Über die neueste Ernte der grünen und weißen Bohnenstangen sprechen. Und frischen Bób, also Saubohnen, einkaufen. Ich aß sie unheimlich gerne, frisch geschöpft aus dem kochen Wasser und mit Salz bestreut.
Dabei wollte ich meiner Großmutter nie Widerworte geben. Ich war gerne bei ihr. Denn ich wollte nicht, dass sie die schweren Einkäufe alleine tragen musste. Ich fühlte mich sicher und geborgen bei ihr. Sie war einer der ersten Menschen, die morgens wach wurden. Ich wurde nach ihr wach, denn ich hörte, wie sie mit ihren Hausschlappen vorsichtig, aber hörbar in die Küche schlurfte. Die ledernen Hausschuhe schlappten leicht gegen den Linoleumboden. Dann klickte es und das Radio ging an. Immer der gleiche Sender. Seit ich denken kann. Zu der Uhrzeit war es kaum wahrzunehmen, erst später drehte sie es etwas lauter, sodass man es in jedem Raum wahrnehmen konnte. Aber es war die Stimme der Wohnung meiner Großeltern. Wenn jemand daheim war, dann lief das Radio. Bis meine Großmutter ins Bett ging.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal das Klicken des Radios wahrgenommen habe. Oder das schlurfen ihrer Hausschuhe über den Küchenboden. Seit meinem Coming Out, bin ich nicht mehr willkommen. Ein ungebetener Gast. Ich weiß nicht mehr, wie meine Großmutter aussieht. Ich weiß aber, wie sich ihre Stimme anhört. Ich weiß, wie es sich angehört hat, als sie mir ins Gesicht sagte, ich sei nicht mehr willkommen. Es ist über ein Jahrzehnt her, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe.
Im Sommer habe ich das Online-Radio neuerdings laufen. Sobald ich aufstehe, laufe ich zu meinem Laptop, bewege den Curser zu dem Tab und schalte es ein. Es ist der gleiche Sender, wie der meiner Großmutter. Hits aus den 60igern bis zu den 80igern. Wobei mittlerweile auch Hits von den 90igern bis zu den frühen 2000ern laufen. Ich verbinde die Bluetoothbox mit meinem Laptop und lasse das Radio laufen. Die Bluetoothbox lege ich auf meine Küchenzeile.
Das Radio schalte ich abends aus, sobald ich zu Bett gehe. Vielleicht zur gleichen Zeit, wenn meine Großmutter das Radio ausschaltet. Nur das Klicken eines Radiogeräts fehlt.
From Mizeria With Love
In diesem Newsletter dreht sich vieles um teils persönliche Erfahrungen und wie es ist, migrantisch, queer und mental krank zu sein. Und allem dazwischen. Alles, was immer noch zu unsichtbar scheint.
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Bis zum nächsten Mal. Pass auf dich auf.
- Samson


„Dann taucht eine polnische Satzstellung mit deutschem Vokabular auf.“
Ich liebe das. Wann immer mir eine ungewohnte Satzstellung oder auch unübliche Wortwahl im Deutschen auffällt, fühle ich sofort eine kleine Verbundenheit aufblitzen. Noch jemand, der in mehreren Sprachen denkt! Mein aktueller Liebling ist „schlechtes Glück“, was viele meiner Lateinamerikanischen Bekannten nutzen.
Rückfrage: woher die Annahme, dass alles in diesem Text zu 100% auf wahren Begebenheiten in meinem eigenen Leben basieren? :)
Und zum zweiten Punkt: unter anderem hat auch der Autor Steffen Möller darüber geschrieben. Wo der eindeutige Ursprung ist, ist unklar. Sehr wahrscheinlich hat es was allgemein mit dem Misstrauen gegenüber Unternehmen und dem Westen damals zu tun gehabt. (wobei es nicht unbedingt komplett verschwunden ist mit der Zeit)