Mein Körper kennt keine Erholung, nur Erschöpfung
Über ein Verständnis von Erholung und Performance-Zwang
Ich liege auf einer weißen Couch aus Kunstleder. Immer wieder rutscht mir das Dekokissen aus Synthetikstoff über die Couch entlang runter auf den Boden sobald ich meinen Kopf anhebe. Ich liege mit meinem ganzen Körper auf der Couch und starre gerade aus durch die Balkontür. Wobei Balkontür übertrieben ist für die Glasabsperrung, die anstelle einer Backsteinwand angebracht wurde. Ich starre hinaus in das Meer.
“Erhol dich gut in deinem Urlaub. Das hast du dir wirklich verdient!”
Mehrere Tage liege ich hier schon. Stehe auf, um auf Toilette zu gehen, um mir etwas zu essen zu machen, um Yoga zu machen, um raus zu gehen.
Draußen laufe ich entlang der Promenade und starre auf das Meer. Gehe bei manchen Spaziergängen runter an den Strand, am Wellengang entlang und ärgere mich jedes Mal, wenn eine Welle meine Schuhe doch erwischt.
Es ist windig, morgens und abends beißt der Wind am schärfsten.
Ich habe Urlaub. Oder zumindest ist es offiziell so. Ich habe Urlaubstage eingereicht, diese von meinem Vorgesetzten genehmigt bekommen und bin nach mehreren Stunden Autofahrt hier angekommen. Ein Ort, der größtenteils vom Tourismus lebt. Da ich außerhalb der Hochsaison gekommen bin, sind 2/3 der Geschäfte geschlossen.
Also sehe ich an der Promenade ein geschlossenes Restaurant neben einer Frittenbude, daneben eine “Brasserie”, deren Unterschied zu einem Restaurant ich auch nach mehrmaligem Nachschlagen wieder vergessen habe. Ansonsten die üblichen Souvenirläden und Klamottenläden. Wobei alle am Meer nur überteuerte Sneaker und michelinmännchenartige Jacken kaufen.
Während ich hier Urlaub mache, fühle ich mich komplett unnütz. Darin liegt auch das grundlegende Problem. Ich verstehe das Konzept von Urlaub nicht.
Ich: “Ja, ich versuche irgendwie das Konzept hinter Urlaub zu verstehen.”
C: “Oh, erzähl mir, wenn du das rausgefunden hast!”
Meine Eltern haben mir das nie beigebracht. Hätten sie es mir beibringen müssen? Wenn nicht sie, wer sonst? Ich wusste nur aus Erzählungen von anderen Kindern, dass Urlaub was mit Ausflügen zu tun hat. Dass die reicheren Kinder Ski fahren gehen, in den Bergen wandern, ans Meer surfen oder irgendwohin verreisen. Wenn meine Eltern Urlaub hatten, hat es sich nie wie Urlaub angefühlt. Wir sind zu meiner Familie gefahren.
In Polen waren wir in der Sommerzeit oft auf der Działka meiner Großeltern, einem kleinen Schrebergarten am äußersten Stadtrand. Meistens beteiligten wir uns an der Gartenarbeit, meine Großmutter pflanzte verschiedene Gemüsesorten dort an, hatte Beerensträucher und Zwetschgenbäume. Wir grillten. Ich hatte nie wieder solche Bratwürste gegessen wie damals als Kind. Meistens fuhren wir aber nicht mit, sondern höchstens ein bis zwei Male pro Sommerferien. Da meine Großeltern kein Auto besaßen, mussten sie mit mehreren Bussen dort hin gelangen. Das hatte oft 1-2 Stunden gedauert, je nachdem, wann der Bus kam. War das schon Urlaub?
Irgendwann mussten sie ihre Działka zwangsverkaufen. Eine Autobahn sollte durch die Schrebergartensiedlung gebaut werden.
Ich habe auch das Konzept von Feierabend lange nicht verstanden. Wenn ich an meine Eltern zurückdenke, an Momente, wo sie zuhause waren, dann denke ich meistens an zwei Dinge: An ihre ewigen Streits. Oder an Hausarbeit. Zumindest bei meiner Mutter. Mein Vater war so gut wie da. Ihn hat unsere Anwesenheit gestört solange er sie nicht selbst eingefordert hat.
Meine Mutter kannte ich nur arbeitend. Zuhause, wenn sie sich um den Haushalt gekümmert hat. Oder als sie anfing zu arbeiten. Bei mir in der Grundschule in der Betreuung beim Hausaufgaben machen. In einem winzig kleinen Kiosk in unserem Stadtteil. Als sie für reiche Leute geputzt hat. Und später im Supermarkt. Je älter ich wurde, desto mehr Verantwortung übernahm ich für meine jüngere Schwester. Je älter ich wurde, desto eher konnte mich meine Mutter alleine mit meiner Schwester lassen. Ich hatte mich um den Haushalt zu kümmern, als ältestes Kind in dieser kleinen Familie.
Wenn ich dann meine Mutter sah, oder so zumindest erinnere ich mich daran, habe ich sie erschöpft auf der Couch liegen sehen. Eingeschlafen bei Trash TV oder irgendwelchen Dokus, die im Fernsehen liefen. Nichts, womit sie sich tatsächlich beschäftigen wollte. Sie war einfach erschöpft vom Arbeiten. Außerhalb der Wohnung, innerhalb davon auch. Erschöpft. Vom Leben. Vom Überleben. Hat sie das verdient? Sich hart erarbeitet?
Nachdem mein Vater seine finanzielle Unterstützung in unserer Familie immer weiter einschränkte und gleichzeitig meiner Mutter verboten hatte zu arbeiten, musste meine Mutter Mittel und Wege finden. Um an Geld zu kommen. Für ihre Kinder. Für die Wohnung war gesorgt. Aber bei den Lebensmitteln und den Unterhaltungskosten für uns, meine Mutter eingeschlossen, hat er immer weniger Geld herausrücken wollen. Wir würden ihm ja die Haare vom Kopf essen. Dabei täten wir ja den ganzen Tag nichts.
Nach der Scheidung meiner Eltern musste meine Mutter zwangsweise noch mehr arbeiten. Den Unterhalt hat mein Vater immer wieder einbehalten. Nach Lust und Laune. Meine Mutter hatte sich immer wieder aufraffen müssen. Und Geld ansparen müssen um per Anwalt meinen Vater erneut anzuweisen, dass er den Kindesunterhalt zu zahlen hatte. Als ich irgendwann alt genug war, es selbst zu bekommen, habe ich nicht genug Geld gehabt für einen Anwalt, als er auch mir mein Unterhalt nicht mehr zahlen wollte. Ich habe es einfach hingenommen. Es ist ja niemandem aufgefallen, oder?
Wenn ich an die Zeit zurückdenke, finde ich immer noch keine Antworten, warum meine Mutter sich letzten Endes für dieses Leben entschieden hat. Für uns entschieden hat. Vielleicht weiß sie es selbst nicht.
Nach der Schule habe ich verschiedene Jobs gehabt, im Einzelhandel, im Weihnachtsgeschäft und dann über Jahre hinweg auf Baustellen im Zuge archäologischer Grabungen. Mein Kopf musste beschäftigt sein. Zum damaligen Zeitpunkt habe ich die Gewalterfahrungen aus meine Kindheit und Jugend noch nicht verarbeitet. Ich dachte es wäre normal. Normal, dass Kinder geschlagen werden, wenn sie schlechte Noten nach Hause brachten und sich nicht benahmen. Trug also diese Päckchen immer mit mir mit. Ich kannte nur körperliche anstrengende Arbeit. Die ersten Jahre meiner Zwanziger kannte auch nur das erschöpfte Gefühl, wenn ich nach mehreren Stunden Arbeit in meine Wohnung gekommen bin. Zu müde für soziale Kontakte, zu innerlich unruhig. Zu verletzt nach einem katastrophalen Coming Out, was ich mit einem Studium wieder gut machen wollte.
Irgendwann hatte ich Jobs, wo mir auch Urlaub zustand. Ich wusste nicht genau, was ich damit anfangen sollte. Jedes Mal fühlte ich mich verloren. Wieso sollte ich freiwillig faul sein wollen? Wenn ich nicht krank geworden bin, was damals während meiner Urlaubstage häufiger vorgekommen ist, habe ich mich beschäftigt. Mit anderen Dingen. Oder war komplett paralysiert von der Sinnlosigkeit meiner Selbst.
Was war ich, wenn ich nicht arbeite? Ich arbeite also bin ich. Bin ein wichtiges Glied der Gesellschaft. Bin nützlich. Keine Schande. Vor allem nicht für meine Familie. Ora et labora. Gläubig sein und arbeiten. Nicht nur, dass meine Familie sich selbst eine Religiosität vorgaugelte, denn das Verständnis von Religion, vor allem dem Katholizismus zur Zeit der Sowjetunion, war eher ein Widerstand. Vielleicht auch ein Halt gegenüber der sowjetischen Besatzung und Unterdrückung. Zumal Polen irgendwann auch einen polnischen Papst hatte. Gleichzeitig wurde der Arbeit eine Tugend zugewiesen.
Man müsse arbeiten, sonst sei man nichts wert, man liegt auf der Tasche der anderen. Nichts ist schlimmer als arbeitslos sein. Arbeiten, um zu zeigen, dass man es geschafft hat. Arbeiten, um auch seinen Beitrag zu leisten. Arbeiten, um niemandem zur Last zu fallen. Arbeiten, um einen Sinn im Leben zu haben. Alles andere, ist nur Beiwerk.
Im Grunde ist Urlaub nur dazu da, damit ich nicht noch schneller in den Burnout rase. Ganz im Grunde ist Urlaub dazu da, dass meine Produktivität nicht zu stark sinkt.
Urlaub verdient man sich. Erholung darf man also nicht einfach so haben. Man muss genug dafür gearbeitet haben.
Aber wer sagt einem, was genug getan ist? Die Anzahl der Urlaubstage? Das Geld, was für den Urlaub (nicht) zur Verfügung steht? Die mentalen und körperlichen Kapazitäten eine Reise zu unternehmen?
Mich überfordert das still sitzen. Aber ich soll ja meinen Körper von den Strapazen des Alltags erholen. Soll meinen Wecker abstellen, der sonst immer unter der Woche um sechs Uhr läutet. Soll mich leckeres Essen gönnen, ganz unabhängig von der Kalorienanzahl.
“Es ist doch jetzt Urlaub.”
Ich beobachte die Wolken von meiner Position auf der Couch aus. Nur deswegen habe ich dieses winzig kleine Apartment gebucht. Ein direkter Blick zum Meer. Wolken schweben an meinen Augen vorbei.
Mein Körper fühlt sich schwer an. Mein Nacken brennt und meine Oberschenkel spannen sich immer wieder von alleine an. Mir fehlt das Gym. Und das Yoga hilft mir nicht dabei, lässt mich zwar im Kopf etwas gelöster aber körperlich unbefriedigt da. Mein Körper versteht das Konzept der wenigen Bewegung nicht. Der stark reduzierten, ausgewählten Bewegungsabläufe. Sind wir krank? Haben wir etwas falsch gemacht? Es liegen keine Verletzungen vor. Warum bewegen wir uns nicht gefälligst?! Wieso muss Urlaub so anstrengend sein?!
Mein Kopf fühlt sich schwer an. Wie lange muss ich in die Wolken und das tosende Meer starren bis die Erholung eintritt? Ist Nichtstun immer gleich Erholung? Neben der Couch stapeln sich mehrere Bücher. Hauptsächlich Sachbücher. Im Alltag finde ich kaum noch Zeit zum Lesen. Warum lese ich nicht auch irgendwelche banalen Romane, die nicht dazu führen, dass ich ständig irgendwelche Fremdwörter nachschlagen oder Diskurse verfolgt haben muss um die Inhalte der Bücher zu verstehen?
Die Stimmen in meinem Kopf schreien mich an. Prangern meine Faulheit an. Ich könnte raus gehen. Muscheln sammeln, Fotos machen, lokale Spezialitäten probieren, die Sprache endlich vernünftig zu lernen.
Ich habe keine Pläne gemacht. Ich habe Souvenirs gekauft, habe Fotos an Freund*innen geschickt. Und versacke immer wieder auf der Couch. Wahlweise erlaube ich es mir, in der kleinen Badewanne zu versacken, die dieses Apartment ebenfalls bietet. Über mehrere Stunden mit kochend heißem Wasser. Starre ich anstelle ans Meer an die weißen Kacheln des ebenso kleinen Badezimmers. Ein Gefühl von Nähe, auch wenn hier niemand außer mir ist. Ich steige aus der Wanne, wenn sich mein Körper zu sehr verschrumpelt hat, trockne mich ab, ziehe frische Kleidung an und lege mich wieder auf die Couch. Stunden vergehen. Tage vergehen. Ich schlafe auf der Couch ein und wache wieder auf. Das Zeitgefühl geht endgültig verloren.
Seit ich von meinen Diagnosen weiß, umgibt sich mein Geist mit einem seltsamen Nebel. Viele Dinge machen plötzlich viel mehr Sinn. Andere Dinge sind umso schambehafteter. Wie die Tatsache, dass ich das Urlaub machen immer noch nicht ganz verstehe.
Irgendwann, plötzlich wie von einem Blitz getroffen, stehe ich auf. Ziehe meine Schuhe an, die endlich wieder etwas trockener geworden sind, gehe raus. 20:08 Uhr soll der Sonnenuntergang sein laut meiner App. Er hat sich schon angekündigt, als die Sonnenstrahlen durch die Fenster gelbe Schlagschatten geworfen haben. Selbst die Sonne wollte mich hinaus einladen.
Ich laufe die Promenade entlang, einige Touristen laufen zur Aussichtsplattform, die auch mein heutiges Ziel sein wird. Meine Schritte verlangsamen sich als ich sehe wie die Sonne sich langsam dem Horizont nähert. Die Wolken erscheinen in Farbwechseln von blaugrau bis hin zu einem orangenen Rosa. Meine Augen brennen vom stetigen Blick auf die Sonne und wie sie langsam verschwindet. Ich kann meinen Blick nicht abwenden.
Gleich ist es soweit, dann berührt die Sonne das Meer, taucht in es hinein. Aber sie erlischt nicht. Sie stirbt nicht. Sie geht nicht schlafen. Wir drehen uns einfach weiter und es wird langsam dunkler. Für heute.
Wir sind aber keine Planeten. Wir werden nicht von einer physischen Kraft getrieben, um Jahrtausende weiter um uns selbst in Planetensystemen zu drehen. Unsere Körper sind einmalig. Während Planeten nicht wissen müssen wann sie Erholung brauchen, müssen wir es irgendwie wissen. Herausfinden.
Ich merke, wie kalt mir wird als meine Oberschenkel zu zittern anfangen. Mittlerweile sind die meisten Leute, die für ein paar typische Sonnenuntergangsbilder um ich herum gestanden hatten, wieder weiter gegangen. Unterhalb der Aussichtsplattform kommt das Meer immer näher. Ich beobachte den Wellengang, der sich über den Tag hinweg beruhigt hatte.
Die Flut ist da.
From Mizeria With Love
In diesem Newsletter dreht sich vieles um teils persönliche Erfahrungen und wie es ist, migrantisch, queer und mental krank zu sein. Und allem dazwischen. Alles, was immer noch zu unsichtbar scheint.
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Bis zum nächsten Mal. Pass auf dich auf.
- Samson


Fühle ich total. Vielen Dank fürs Teilen.
Ich habe persönlich viel darüber nachgedacht. Ohne meine Routinen bin ich immer müde unterwegs. Und auch überfordert.
Mag sein, dass auch Neurodiversität eine Rolle spielt. Wenn ich eine neue Hyper-fixation habe, bin ich wieder lebendig, und mir bringen physiche Aktivitäten Nachfüllung. Aber nichts machen? Kein Entspannung.
Wow - ich mag deinen Schreibstil. Ich muss sagen, dass mich dieser Text ein wenig berührt hat. Auch ich kann mit dem Konzept „Urlaub haben“ irgendwie nichts anfangen…