Ich möchte lieben
Über (falsche) Bescheidenheit, Selbstliebe und der Liebe für alle und alles andere
Ich schaue mich im Spiegel an. Schon etwa zwei ganze Minuten. Ich schaue mir in die Augen, schaue auf meine Augenbrauen, meine Haare, meine Gesichtszüge. Wandere mit dem Blick hinab über meine Lippen zu meinem Kinn, meinem Hals, meinen Schultern und zum restlichen Körper hinab.
Dabei liegen meine Hände auf meinem Brustkorb, in etwa der Höhe meines Herzens.
Erst spreche ich gedanklich mit mir. Dann fange ich an die Sätze leise zu flüstern. Dann immer lauter.
“Du hast schon so viel tolles geschafft.”
“Schau mal, was du dich alles schon getraut hast!”
“Du bist so mutig, so liebenswert, so wertvoll.”
“Es ist so schön, dass es dich gibt.”
“Du wirst geliebt.”
Je lauter ich diese Sätze ausspreche, desto stärker zittert meine Stimme. Ich kann den Blick auf mich kaum noch halten. Panik steigt in mir auf. Aber ich halte ihm stand. Schaue mich weiter an, spüre meine Unsicherheit und spreche mir Lob zu. Eine der größten Herausforderungen, denen ich mich aktuell stelle.
Wenn andere Menschen herausfinden, was ich bisher alles im Leben gemacht habe, erhalte ich sehr häufig Lob dafür. Wie sehr ich mich einsetze. Was für tolle Dinge ich ins Leben gerufen habe. Wie notwendig meine Arbeit ist. Ich könnte das auch alles anhand von Daten noch bekräftigen. In meiner Lohnarbeit beschäftige ich mich viel mit Daten und es hat mir lange Zeit eine Bestätigung gegeben, dass etwas was ich tue, auch einen Output hat. Soweit, so “effizienzorientiert”. Selbst mir stellen sich die Nackenhaare auf, dass ich dieses Wort tatsächlich benutzt habe.
Wenn andere schauen, was ich alles bisher im Leben erlebt habe, all die Gewalt - loben sie noch mehr.
Sie loben und loben und loben. Ich fühle mich unwohl in diesen Momenten. Möchte am liebsten mich hinter einem Vorhang verstecken, wo höchstens meine Füße rausgucken. Mein ganzer Körper fängt an zu jucken und ich weiß meistens dann nicht, wo ich hinschauen soll.
Warum fällt es mir so schwer, mich darüber zu freuen, was ich mit 33 Jahren bereits geschafft habe?
Würde mir jemand anderes davon erzählen, was die Person geschafft hat, wäre ich sprachlos. Und hätte große Bewunderung für diese Person übrig. Vielleicht würden mich die persönlichen Geschichten mehr begeistern als die Preise. Eine andere Person fände die Preise, je nachdem natürlich welche, eine besondere Anerkennung für die Arbeit.
Oft erkenne ich selbst nicht an, was ich tue. Ich glaube, weil ich Angst habe, dass es mir zu viel bedeuten könnte. Nicht, dass ich irgendwann eine Arroganz entwickeln würde. Aber dass ich Angst habe, dass meine Freude über meine Erfolge bedeutungslos ist. Oder dass mir jemand von außen ins Gesicht sagen würde: “Ja, ja jetzt übertreib mal nicht. So toll war das alles jetzt auch nicht.”
Ich bin damit aufgewachsen, dass meine Handlungen und “Erfolge”, wenn man diese in der Schulzeit höchstens auf Zeugnisse legen konnte, mit anderen verglichen wurde. Meine Mutter sorgte dafür, dass ich mich jedes Mal klein und wertlos fühlte. Jedes Mal bekam ich zu hören, dass die Leistungen nicht ausreichend waren. Selbst wenn es 1+ Noten gab, waren die Antworten entweder “Ja, aber in den anderen Fächern bist du nicht gut genug. Da musst du besser werden” oder nur ein schwaches “Ja, schön.”
Stell dir vor, wenn du jedes Mal, egal wie hart du dich angestrengt hast, es deinen wichtigsten Menschen im Leben komplett egal ist. Sie dich in keinster Weise auffangen.
Auf meiner Mutter lag ein immenser gesellschaftlicher als auch familiärer und persönlicher Druck.
Sie wollte, dass mein Geschwisterkind und ich es besser hätten als sie. Anfang 20 schwanger. Ohne Ausbildung. Mit bruchstückhaften Deutschkenntnissen um die 2000er Wende.
Für sie gab es nur tägliche körperliche und mentale Müdigkeit. Von der körperlichen Arbeit, die sie jeden Tag erledigen musste. Von dem Wahnsinn, dass sie mit so wenig Geld und einem Exmann, der schon wieder den Kindesunterhalt vorenthielt, über die Runden kommen musste. Von den Lügen und Geheimnissen, die sie unserer Familie erzählte, damit sie sich bei den Besuchen in Polen nicht schämen musste.
Das alles, bekam ich zu spüren. Das alles, prägte sich in mir ein. Wurde ein Teil von mir. Ohne dass ich es wollte.
“Krass, wie bescheiden du bist bei all dem was du machst.”
Bescheidenheit ist eine Tugend. So sagt man. Falsche Bescheidenheit gibt es übrigens auch.
Dabei habe ich eigentlich nie gelernt, mich über Dinge zu freuen, die ich geschafft habe. Bei allem, was ich für meine Eltern versucht hatte zu erreichen, kam nur müde Kritik. Warum ich nicht gut genug sei. Warum ich nicht höflicher sei als andere Kinder. Warum ich so laut wäre. Warum ich so viel essen würde. Warum ich so dick sei. Warum ich so laut niesen würde. Warum ich nicht sportlicher sei. Warum ich so ungeduldig sei. Warum ich es mir erlauben würde zu weinen, obwohl es uns doch so gut ginge.
Warum, warum, warum, warum.
Wer in so einer Umgebung aufwächst, der versteht das Konzept von Erfolgen bei sich selbst nicht. Der versteht es sehr wohl bei anderen, sieht die Freude in den Augen der Menschen, spürt eine Freude für sie aufkommen. Aber bei sich selbst? Ich finde immer wieder tausend neue Begründungen, warum meine Erfolge, meine Leistung, viel weniger wert ist als die der anderen.
Während ich mit Preisen in meinen Händen auf Bühnen mich wie ein Reh im Scheinwerferlicht fühle. Fehl am Platz. Und ich wollte immer schnellstmöglich weg. Auch in diesen Momenten spürte ich die Sätze durch meine Schädeldecke wummern. “Andere machen viel wichtigere Arbeit als du.”
Wie schwer es auch ist, diesen Prozess im Erwachsenenalter anzustoßen. Zu erkennen und sich selbst zuzuflüstern, in Momenten der Zweifel:
“Schau mal, was du heute schon alles geschafft hast. Trotz all der Schwierigkeiten. Trotz all der schweren Gedanken. Das warst du!”
Wie in allem ist es ein schleichender Prozess, umgeben von vereinzelten Flutwellen, in denen es deutlich besser verläuft als in anderen. In denen ich mir erhoffe, dass meine Geduld mir nicht wieder einen Strich durch die Rechnung zieht. Dass es nicht schnell genug ginge.
Würde es aber so schnell gehen, dass wir die Energie in unseren Synapsen und in unserem Hirn eigenständig umlenken und auf neue Verknüpfungen ausrichten könnten, dann bräuchte es vielleicht doch deutlich weniger Psychotherapeut*innen. (Und weniger Coaches, was vielleicht auch gar nicht so schlecht wäre.)
So muss ich neben meiner Wertschätzung mir selbst gegenüber, mich auch weiterhin stark in Geduld üben.
Tag für Tag. Stunde um Stunde.
Trust the process.
Indem ich mich selbst wertschätze, erkenne ich mich an. Dabei möchte ich eher weniger mich über jedes Staubkorn freuen, was ich erfolgreich aufgefegt habe. Gleichzeitig wäre es abwegig, sich vor allem an schweren Tagen nicht einfach darüber zu freuen, dass man es einfach durchgehalten hat, dass man genug Wasser getrunken hat und dass man auf sich aufgepasst hat.
Darüber hinaus wäre es umso schöner, wenn ich selbst all die Arbeit, die ich über Wochen, Monate und Jahre irgendwo reingesteckt habe, dass ich mir selbst diese Arbeit auch anerkenne. Mir selbst sage:
“Schau mal, was du alles geschafft hast. Ja, das warst du! Richtig stark <3”
Es würde meinen Selbstwert Anerkennung schenken, wenn ich anerkenne, was ich tue, zivilgesellschaftlich, künstlerisch. Mich selbst mit einer warmen Dusche voller liebevoller Worte eindecke.
Alles, was ich allen anderen schenken möchte, die einen Platz in meinem Herzen haben. Und all jenen, bei denen ich einen Platz im Herzen habe.
In diesem Moment fallen mir viele andere Sätze ein, die auch in solchen Momenten einfach Sinn ergeben.
“If you can’t love yourself, how can you love anybody else?” - RuPaul
Und irgendwie stimmt das auch. Wie kann ich meinem Gegenüber Liebe schenken, wenn ich für mich selbst so wenig übrig habe und jeden meiner auch nur kleinsten Erfolge runterbreche?
Wie kann meine Liebe für jemand anderes von Wert sein, wenn ich meiner Selbst so wenig zutrage?
Wie kann ich lernen, Menschen noch schöner zu lieben, wenn ich von dieser Liebe nichts für mich selbst übrig habe?
Auch ich, der*die sich oft in der Sicherheit von Rationalität wähnt, sollte öfter den Sprung in Liebesworte wagen.
“Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand.
Die Liebe hört niemals auf.” - Der erste Brief an die Korinther, Kapitel 13.
Ich möchte mich lieben, mir selbst eigene Lobeshymnen schreiben.
Ich möchte mir ein weiches Herz behalten. Denn in all dem Schmerz, in all der Einsamkeit, in all der Trauer, möchte ich mein Leben mit Liebe leben.
Tag für Tag. Stunde um Stunde.
Liebe ist ein Akt, eine Entscheidung. Wenn ich jemanden liebe, dann tue ich das ganz bewusst. Mit jeder Faser meines Körpers. Ich liebe sie in all ihren Unfehlbarkeiten. In all ihrer Menschlichkeit. In ihrem Schmerz. In ihrer Trauer. In ihrem Sein. Ich möchte lieben, weil ich Liebe geben möchte. Weil ich den Gedanken nicht ertragen könnte, sie könnten sich in irgendeinem Moment nicht geliebt fühlen. Weil ich nicht mittragen möchte, was ich einst erlebt habe.
Liebe heißt nicht, dass ich alles gutheißen muss, was sie tun. Liebe heißt, sie in ihrer Einzigartigkeit zu lieben und zu ehren. Zu feiern und für sie da zu sein, auch wenn mir mal die Kraft für die Welt da draußen fehlt.
Ich möchte lieben.
From Mizeria With Love
In diesem Newsletter dreht sich vieles um teils persönliche Erfahrungen und wie es ist, migrantisch, queer und mental krank zu sein. Und allem dazwischen. Alles, was immer noch zu unsichtbar scheint.
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- Samson
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