Begehre mich
Über Begehren und die Werdung des Selbst. Eine Betrachtung von außen und innen
Ich steige aus der Dusche und betrachte mich im Spiegel meines Badezimmers. Es ist Sommer und die Sonne strahlt sonst direkt durch das Fenster direkt neben dem Waschbecken. Heute hängen die Rollladen noch tief, sodass mein Körper von vielen Schatten getroffen wird. Die Schatten schneiden meinen Kiefer markanter. Die Sehnen an meinem Hals werfen leichte Konturen. Meine Schulter und mein Schlüsselbein sind deutlich hervorgehoben. Meine Nackenmuskulatur ist deutlich im Spiegel zu sehen. Genau so wie der Ansatz meiner Brustmuskulatur. Die helle Haut ist von bläulich-grünen Venen durchzogen.
Ich hebe mein Smartphone von der Fensterbank, entsperre es und zoome nah an meine Schulter ran. Klick. Ist zu hören, denn ich hatte es auf volle Lautstärke eingestellt.
Wassertropfen wie Perlen an meinen Haarspitzen, an meinem Hals. Wandern langsam meinen Körper hinab. Ich lasse sie entlang ziehen. Ihren Weg finden.
Der Zoom meiner Smartphone-Kamera ist nicht gut genug um in diesen Lichtverhältnissen ein stechend scharfes Bild zu machen und je näher ich ranzoome, desto eher rauscht es. Es ist mir egal. Ich schieße noch ein paar Bilder ehe ich das Smartphone zur Seite lege und mir einen Sport-BH anziehe. Heute entscheide ich mich für die Möglichkeit zu atmen anstelle eingezwengt weniger Dysphorie zu spüren.
Bevor ich das Bad verlasse, wickle ich mir ein langes Handtuch um die Hüften. Die Füße sind noch leicht feucht als sie den Parkettboden betreten.
In einem früheren Text schrieb ich darüber, wie sehr sich mein Selbstbild verändert hat. Jetzt wandere ich vom Badezimmer in mein Schlafzimmer, wo direkt gegenüber von meinem Bett ein großer Wandspiegel hängt. Das Licht fällt anders. Meine Hüftknochen treten deutlich unter meiner Haut hervor. Mein Bauch ist zwar nicht so dünn, dass ein Sixpack zu sehen wäre, aber dennoch ziehen zwei schmale Streifen an meinem Bauch entlang meines Körpers. Durch mein Handtuch sind meine muskulösen und breiten Oberschenkel nicht zu sehen, meine angespannte Wadenmuskulatur.
Mittlerweile sind meine Schultern mindestens genau so breit wie meine Hüften. Meine Oberarme zeichnen deutliche Spuren von Muskeln ab.
Es hat Jahre gebraucht, um mein Ich außerhalb meines Kopfes wieder zu finden. Ich betrachte mich mittlerweile sehr gerne im Spiegel. Ein faszinierendes Objekt meiner Selbst. Habe ich den Blick auf mich verloren oder jetzt erst wieder gefunden? Gesucht an all den falschen Stellen, unter einem falschen Licht? Oder war es immer schon da und ich habe es nur wie eine Schatztruhe aus metertiefem Sand befreit?
Wie oft sagen andere Menschen zu sich: “Ich finde mich begehrenswert?” Denn ich fühle mich begehrenswert.
Sagen das überhaupt andere Menschen über sich selbst? Sagen wir nicht viel häufiger, dass wir andere begehren? Ist es nicht viel häufiger, dass wir uns wünschen, von anderen begehrt zu werden?
In den meisten Dating Apps kann man auswählen, wer einem angezeigt werden soll. Wonach man sucht. Meistens ist es eine Auswahl zwischen: Männern, Frauen, nichtbinären / diversen Personen. Woher wissen diese Apps, dass das, wonach ich suche, in diese Kategorien passt?
Ich möchte mich nicht selbst auf Oberflächlichkeiten reduzieren. Gleichzeitig ist es in den meisten Fällen das erste, was uns aneinander auffällt. Neben Muskeln und Körperbau, Bewegung, mögliches Make-up und sonstigen Accessoires. Wie stark leuchten die Augen? Wie sehr ziehen sie andere in einen Bann? Wie sehr können sie an ein tiefes Meeresblau erinnern, in die mich Sirenen hineinziehen möchten und ich mich willentlich hingeben möchte?
Anhand unseres Aussehens werden wir in Schubladen gesteckt, suchen uns selbst Schubladen aus. Versuchen es mit vermeintlich biologischen Labels. Lange haare, Brüste, breite Hüften: Frau. Kurze Haare, Bartwuchs, schmale Hüften: Mann. Ergänzt werden können alle möglichen anderen Körperteile. Schlank muss man sein. Nicht-behindert. Gesund. Nicht zu groß und nicht zu klein. Weiß. Alles dazwischen, eine Abnorm. Auffällig. Nerdig. Weird. Unschön. Fett. Krank. Sind das Wörter, die mich definieren sollen?
Schön ist das, was wir auf den Covern von Magazinen sehen. Wer auf die Laufstege darf. Wer im Fernsehen und Kinoleinwänden zu sehen ist.
Alles andere gehört in die Suchfilter von Pornoseiten. Ein Infokasten, der dich fragt ob du schon über 18 bist. Auf der Suche oder per “Zufall” dort gelangt. Die Suche. Nach wem? Nach was? Ein Fetisch. Schambehaftet. Zum Fremdschämen. Versteckt vom Mainstream, zum Schutz von Weissgottwem. Abgeschottet. Nur für die Augen einzelner bestimmt. Zur Befriedigung, aber sehr selten für Liebe.
Ich habe so viele Schubladen rausgezogen, dass der Raum, in dem ich mich befinde, voller Schubladenkästen ist. In keine davon passe ich hinein. In keine möchte ich hinein passen. Viele Jahre habe ich es versucht. Viele Jahre habe ich mich unwohl gefühlt. Mich dafür gehasst, dass ich dieser menschengemachten Schublade nicht gerecht werden konnte. Dass die Bauer dieser Schubladenkästen mich nicht mit bedacht haben. Wahrscheinlich fehlte ihnen das passende Modell.
Ich weigere mich. Ich protestiere. Ich gebe mich nicht hin. Ich spiele das Spiel der Labels mit, um eine gemeinsame Sprache mit denen zu sprechen, die mein Leben nicht verstehen können. Die ihre eigene Schublade brauchen. Die ihren Körper an diese angepasst haben. Ihre Körper und ihre Schubladen sind eins geworden.
Ich spiele mit den Schubladen und Labels von anderen. Um in ihre Gruppe zu gehören. Solange mich ihre Schubladen nicht an die Wand drücken. Bis mir die Luft ausgeht. Dann muss ich flüchten. Auf das ich in den nächsten Wochen wieder angekrochen komme um Bestätigung zu suchen. Dass ich irgendwo dazugehöre. Auf meiner weiß getünchten Landkarte. Besserwisserisch und doch alleine verloren.
Wer wäre ich, wenn ich richten sollte, was andere Menschen tun und brauchen, wenn ich erst mit Anfang 30 verstanden habe, dass ich die größte Freiheit erfahren habe, indem ich jedes Wort von mir gelöst habe. Wenn ich die Freiheit in der Losgelöstheit suche. In der Verwirrung des Anderen.
“Junger Herr” ruft mir jemand zu, meistens im Winter. Kurzgeschorene Haare um die Hälfte meiner unteren Schädeldecke. Trotz der Temperaturen trage ich nur ein dickes T-Shirt, ein Hemd und meine abgenutzte Lederjacke. Schwere Ringe an den Fingern meiner breiten Hände. Ein breiter Stand, dicke Stiefel vollenden meine Illusion. Ich drehe mich zur Stimme um. Mein Gegenüber sieht keinen Flaum um meinen Kiefer, keine Wulst an meiner Stirn, keinen Adamsapfel an meinem Hals.
Die Person zur Stimme schluckt, wird rot um die Wangen. Öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Sie weiß nicht mehr, was sie sagen soll. Ob sie was sagen soll. Ich schaue der Person mit der Stimme schweigend in die Augen. Meine Lippen heben sich leicht zu einem verschmitzten Lächeln.
War es meine Schuld, dass die Täuschung so schnell aufgeflogen ist?
Seit ich Samson heiße, werde ich immer öfter im Internet mit “Herr” angeschrieben. Ohne mein Zutun. Ich werde angerufen. Es wird nach einem “Herrn Samson…. “gefragt. Ich erwidere, dass ich das bin. Die Stimme am anderen Ende schweigt. Die Stille bedeutungsschwanger.
Schämen kann man sich nur, wenn jemand dabei ist.
Sollte ich mich dafür schämen, dass mir Menschen die falsche Schublade anreichen?
Ich laufe nachts durch die Straßen meiner Nachbarschaft. Aus meinen Kopfhörern dröhnt die Musik hinaus. Breitbeinig stolziere ich lebensmüde bei Mitternacht um schlecht beleuchtete Gassen. Meine Augen leer, auf Durchzug geschaltet. Denn mein Hirn möchte aufhören zu denken. Nach außen mag ich aggressiv wirken. Ein Typ kommt mir entgegen. Ich sehe eine glühende Zigarettenspitze an seiner Hand. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse sehe ich seine Halbglatze im Mondlicht. Ich laufe gerade weiter auf ihn zu. Er sieht mich. Ich sehe ihn.
Knapp 3 Meter liegen zwischen uns bevor er auf die andere Straßenseite wechselt. Ich laufe weiter.
Wie viele Begegnungen dieser Art werden noch stattfinden, bevor die Farce auffliegen wird?
Warum sollte ich Angst auf der Straße haben?
Vielleicht macht mein Körper anderen Angst. Eine Ungewissheit. Ein Monster. Wie ein UFO. Nur anstelle eines Flugobjekts bewege ich mich zu Land. Und dennoch undefinierbar. Niemand weiß, was mit mir anzufangen ist. Zu grob, zu forsch, zu breit, zu abnormal.
In einer Cocktailbar sitze ich am Tresen und schaue dem Barmann beim Mixen zu. Alle Cocktails haben Namen die an “leichte Mädchen” erinnern sollen. Was auch immer das heißen soll. Zwar trage ich nur Hemd und Shirt, aber durch meinen Binder ist die Wölbung meiner Brust kaum zu sehen. Jemand setzt sich zu mir. Meine Nase fängt einen schweren, blumigen Duft ein, bevor die Person zu sprechen beginnt. Ein Ellenbogen auf den Tresen abgelegt, der Oberkörper, geschmückt von einem Oberteil mit tiefem Ausschnitt beugt sich zu mir rüber. Die Person kann sehen, wer ich sein könnte. Was ich sein könnte. Fragt mich, warum ich denn alleine hier sei. Wonach ich suche. Die Person suche nämlich selbst. Möchte sich ausprobieren, verrät sie kleinlaut.
“Für was hältst du mich?” frage ich kleinlaut, während ich mein schweres Glas in einer Hand halte und den Barmann weiter beobachte.
“Ein Test für eine Nacht.” Ein Test, für wen?
Ich swipe in den Dating Apps. Nach links, nach rechts. Ich schreibe Nachrichten. “Du bist heiß.” Lese ich auf dem Bildschirm als Antwort auf meinen Gruß. Mein Daumen schwebt über meinem eingeschalteten Smartphone-Display. In Erwartung einer Erwiderung. Solange, bis der Display aufgrund fehlender Berührungen von alleine aus geht.
Was ist heiß? Wieso sind es immer andere, die mir sagen, dass etwas heiß ist? Dass etwas sexy ist? Dass ich etwas begehren soll. Jemanden. Wieso kann ich diese Schubladen nicht alle endgültig aus meinem Kopf reißen.
Was ich begehre, sind Lippen auf meiner Haut. Fingerspitzen an meinem Nacken und meinem Hinterkopf. Es sind Augen, die mich wie schwarze Löcher aufsogen könnten. Wörter, die mich so tief treffen, dass mein Herz so viel Blut durch mein Gehirn pumpen möchte, dass alle neuronalen Dämme brechen. Ich suche nach einer Nähe die eine absolute Stille auslöst. Gefolgt vom stärksten Wellensturm in meiner Brust.
Was ich begehre, soll in keine Schublade passen. Was ich begehre soll ein Widerspruch sein.
Ich begehre, begehrt zu werden. Ich begehre um zu begehren. Ich werde zum Begehren meiner Selbst.
From Mizeria With Love
In diesem Newsletter dreht sich vieles um teils persönliche Erfahrungen und wie es ist, migrantisch, queer und mental krank zu sein. Und allem dazwischen. Alles, was immer noch zu unsichtbar scheint.
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Bis zum nächsten Mal. Pass auf dich auf.
- Samson


dein text sprengt auch ganz viele schubladen in meinem kopf ❤️ uuund ich musste sehr an ein zitat von alok v menon denken: I write myself into existence.
“Die Person kann sehen, wer ich sein könnte” was für eine treffende Beschreibung wenn es um das Spiel mit Identität geht